Professor umringt von seinen Studierenden
Forschung

Kooperation von Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Dienstleistungen

NWCEE

Projektleitung
Prof. Dr. Sebastian Brandl
Prof. Dr. Michaela Schulze

Projektzeitraum
2022 – 2024

Kooperationspartner
Associate Professor Thorsten Braun & Edda Merete Luth
VIA University CollegeSociety and Social Work | K-8000 Aarhus C, DK | /

Kooperationspartner für die Fallstudienerhebungen
Dänemark: Ph. D. Hans Erik Madsen, Århus, DK,
Österreich: SCHUMACHER – Reformative FORSCHUNG, Dr. Ulrike Schumacher, Görlitz/Zittau,
Deutschland: ZEP - Zentrum für Evaluation und Politikberatung, Kaps & Oschmiansky PartG, Berlin, Petra Kaps, Frank Oschmiansky,

Veröffentlichungen und Präsentationen
Foliensatz "New routes? Different ways of cooperation between SLBs and employers"

Gegenstand und Ziel

Gegenstand der Untersuchung sind neue Kooperationsformate von Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Teams innerhalb von lokalen Arbeitsverwaltungen und neue Anspracheformen für Unternehmen, um vulnerable Personengruppen (Langzeitarbeitslose, Geringqualifizierte u.a.m.) in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die organisationalen Veränderungen werden ländervergleichend in Dänemark, Österreich und Deutschland betrachtet und es wird die Rolle der damit betrauten Beraterinnen und Berater (in Deutschland: Integrationsfachkräfte, IFK) und deren Handlungsspielräume untersucht.

Das Ziel besteht darin, die Bedingungen solcher internen und externen Kooperationen mit Fokus auf die Anforderungen, Kompetenzen und Umgangsformen der Fachkräfte in Abhängigkeit ihrer organisationalen Einbettung zu erschließen. Aus den Erfahrungen in den Ländern sollen Anforderungen und Umgangsformen sowie Qualifikationsbedarfe der Integrationsfachkräfte ermittelt, Lernimpulse für die Weiterentwicklung effektiver Beratungsformate abgeleitet und entsprechende Lehrmodule an der HdBA und VIA gestaltet werden.

Ausgangspunkte, Stand der Forschung

Die Integration vulnerabler Personengruppen in den ersten und den sozialen Arbeitsmarkt in Jobcentern in Dänemark und in Deutschland steht im Fokus verschiedener Projekte. Erste Erkenntnisse zeigen, dass eine innovative Bewerber- und Arbeitgeberorientierung mitunter in deutlicher Abgrenzung von den etablierten Strukturen und Arbeitsweisen der regulären arbeitnehmerorientierten (bewerberorientierten) Vermittlung und des Arbeitgeberservice (AGS) erfolgt. Eine Übertragung der Erfahrungen in die reguläre Vermittlungsarbeit scheint kaum stattzufinden. [1]

Die Befunde bestätigen eine schon aus vielen Studien bekannte Abhängigkeit: Je geringer der Betreuungsschlüssel und je höher die Kontaktdichte und damit die Möglichkeit zu individueller Beratung und Begleitung der Arbeitslosen, desto höher fällt die Integrationswahrscheinlichkeit aus. Förderlich wirkt darüber hinaus die proaktive und persönliche Ansprache der Arbeitgeber vor Ort verbunden mit einer, verglichen mit dem AGS, umfänglicheren Dienstleistungstiefe und einer vertieften Kenntnis der Arbeitssituation (konkrete Anforderungen, wie Aufgaben neu geschnitten werden können zugunsten geförderter Ungelernter u.a.m.). Zugleich zeigt sich, dass die Trennung in reguläre arbeitgeber- und arbeitnehmerorientierte Teams und technische Matching-Verfahren Schnittstellenproblematiken hervorrufen. Diese scheinen in gemischten Teams oder durch neue Kooperationsformate überwunden werden zu können. Unabhängig davon, ob die herkömmliche Arbeitsteilung aufrechterhalten wird, oder ob eine Beratungsfachkraft beide Seiten bedient, kommen dabei deutliche Anforderungen an das eigene Rollenbild auf sie zu: Es muss ein gegenseitiges Verständnis für die jeweils andere Tätigkeit entwickelt werden, Wissen ausgetauscht und neue Arbeitsweisen und formale wie informelle Kommunikationsstrukturen etabliert und gelebt werden. Eine intensivere Arbeit mit Kunden und Arbeitgebern fordert erweiterte Beratungskompetenzen; aber auch die Führungskräfte müssen anders steuern und dabei Motivation, Prozesse, Hilfestellungen statt zuvorderst Ergebnisse in den Blick nehmen. Nicht immer scheinen hierfür ausgearbeitete Schulungs- und Hilfsangebote zur Verfügung zu stehen oder notwendig zu sein. Die Entwicklung neuer Angebote für Arbeitgeber und Arbeitnehmer bzw. Arbeitsuchende hängt von zentral (vom Gesetzgeber oder bspw. der Bundesebene der Arbeitsverwaltung) eröffneten Handlungsspielräumen und Gelegenheitsfenstern etwa in Form von ESF-Projekten oder neuen Förderinstrumenten, zudem von lokalen organisationsinternen wie -externen Bedingungen ab.


[1]       Exemplarische Befunde finden sich bei: Brandl, Sebastian; Braun, Thorsten (2022): Arbeitgeberorientierte Integration von Langzeitarbeitslosen – Zur Relevanz von street-level organizations am Beispiel von Jobcentern in Dänemark und Deutschland. Working Paper Nr. 2 der Fachgruppe Soziologie und Arbeitsmarktpolitik der HdBA. August 2022. 

Forschungsfragen

Aus dem Forschungsstand ergeben sich folgende Projektfragen:

  • Welche organisationalen, Prozess- und Kommunikationsveränderungen wurden für eine engere kommunikative Verknüpfung von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberdienstleistungen und der Kooperation mit Arbeitgebern eingeführt? Wovon hängen die konkreten Schritte ab? Welche Barrieren/Spannungsverhältnisse können auftreten?
  • Welche Veränderungen haben sich durch die Coronakrise für solche Ansätze ergeben?
  • Wie verändern diese Innovationen die Arbeit der Beratungsfachkräfte? Welche (Kompetenz)Anforderungen ergeben sich? Wie gehen die Beraterinnen und Berater damit um („Können und Dürfen“) und verändert der engere Kontakt das Arbeitshandeln?
  • Mit welchen Qualifikationsangeboten werden die neuen Formate flankiert?
  • Welche Barrieren stehen Übertragungseffekten aus Modellansätzen in reguläre Teams entgegen?
  • Welche Unterschiede und Ähnlichkeiten lassen sich zwischen den Fällen und welche zwischen den Ländern feststellen? Welche Lernimpulse können abgeleitet werden?

Methodisches Vorgehen

Ausgehend von Literatur- und Dokumentenanalysen werden im Winter 2022/23 jeweils vier vergleichende Fallstudien in Dänemark, Österreich und Deutschland durchgeführt. Diese werden entlang von Good-Practice-Erkenntnissen, regionalen Besonderheiten und der Kooperation mit den nationalen Arbeitsverwaltungen ausgewählt. Methodische Grundlage ist vor allem das Exper­tengespräch mit Beteiligten in unterschied­lichen Funktionsbereichen und Hierarchiestufen innerhalb der lokalen/regionalen Arbeitsverwaltung und mit ausgewähl­ten kooperierenden Unternehmen. Die Daten der Länderstudien werden entlang der Fallbeispiele auf Grundlage der Interviews und Dokumente durch das Projektteam ausgewertet. Die Gesamtauswertung und der Ländervergleich schließen an und sollen bis Herbst 2024 abgeschlossen werden. Der Ergebnistransfer (Publikationen, Praktiker-Workshops, Weiterbildungs-/Lehrmodule) erfolgt sukzessive.