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Wie Berufsberaterinnen und -berater auf die Arbeit mit Geflüchteten besser vorbereitet werden können

Zum Auftakt der Tagung betonte Gastrednerin Rita Süssmuth, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestags und international anerkannte Migrationsexpertin, die Bedeutung des wechselseitigen Lernens für die Beratungsarbeit. „Wir lernen alle – die Aufnehmenden und die Angekommenen“, so Süssmuth. „Menschen haben eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies zusammenzudenken ist unsere Aufgabe.“ Sie plädierte für gesellschaftliche Inklusion statt Ausgrenzung. „Lasst sie tätig werden“, forderte Süssmuth. Der Mensch müsse Zugehörigkeit entwickeln, um Lernerfolge zu erzielen. 

 

Projektkoordinator Karl-Heinz P. Kohn von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) bezeichnete in seiner Begrüßungsrede Sprachbarrieren, traumatisierende Erfahrungen der Geflüchteten sowie Wissenslücken über die Herkunfts- und Ankunftsländer als größte Herausforderung für Beratende und ihre Ratsuchenden. Um die Beratung besser auf die Bedürfnisse von Geflüchteten auszurichten, entwickelten die am Projekt beteiligten Universitäten sechs Kursmodule, die in Pilotgruppen durchgeführt und evaluiert wurden.

 

Im ersten Modul erarbeitete die HdBA unter Mitwirkung von Prof. Dr. Ursula Engelen-Kefer eine Einführung in den makroökonomischen und politischen Rahmen für die Beratungsarbeit. Das Modul wird für jedes Land nationalspezifisch angepasst. Die Situation in Deutschland ist von erhöhten Altersstrukturen und einem Mangel an Arbeitskräften geprägt. „Für uns ist die Migration auch aus makroökonomischen Gründen dringend erforderlich,“ so lautete die Schlussfolgerung von Engelen-Kefer. Sie plädierte für eine „Willkommenskultur, die den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit geben kann.“

 

Das zweite Modul, verantwortet von Dr. Anne Chant und Claire Nix von der Christ Church University Canterbury, soll die Kursteilnehmer zur Selbstreflexion anregen: „Welche kulturelle Prägung, welche Werte und Ansichten bringen sie selbst mit ein in die Beratung?“ Diese Fragen müsse man sich klar machen, um eine respektvolle gegenseitige Beziehung aufzubauen, so Chant. Im Fokus des dritten Moduls steht die Sprache als Hauptwerkzeug der Beratung. Ziel ist die Sensibilisierung für Missverständnisse, die bei der interkulturellen Kommunikation entstehen können. Sprache müsse man als bedeutungsvolle Ressource in der Berufs- und Bildungsberatung für Flüchtlinge begreifen, sagte die Verantwortliche Dr. Asa Sundelin von der Universität Stockholm.

 

Modul vier gibt einen Einblick in kulturelle Unterschiede und Herausforderungen, mit denen Geflüchtete konfrontiert sind. „Es ist wichtig zu verstehen, dass Kultur einen Einfluss auf die Wahrnehmung hat“, betonte Neşe Gülmez vom Büro für Arbeitsmarktfragen im Präsidialamt der Republik Türkei. Eine große Rolle spiele auch die Religion, da viele Geflüchtete aus islamischen Ländern stammten.

 

Modul fünf soll vor allem Wissen über die Arbeits- und Ausbildungssysteme in Ankunfts- und Herkunftsländern vermitteln sowie die Potenzialerhebung der Geflüchteten unterstützen. Dies sei eine wichtige Basis für berufliche Optionen, wie Karl-Heinz P. Kohn betonte. Dabei werden neben sprachgebundenen Tests auch andere Verfahren behandelt, mit denen zum Beispiel anhand von konkreten Arbeitssituationen Softskills und Fähigkeiten der Geflüchteten ermittelt werden. Im Zentrum des sechsten Moduls steht Empowerment. „Es geht darum die positiven Kräfte zu mobilisieren und eine neue Geschichte für die Zukunft zu entwickeln“, betonte Lea Ferrari von der Universität Padua.

 

Wie schwierig eine zukunftsorientierte Beratung bei traumatisierten Geflüchteten sein kann, machte die Arbeits- und Organisationspsychologin Olga Kostoula aus Österreich deutlich. Sie sprach in ihrem Vortrag über die versteckten Effekte von Traumata in der Beratung. Neueren Forschungsansätzen zufolge ist eine Retraumatisierung auch durch täglichen Stress möglich. Die Beratungssituation an sich könne bereits zu Sorgen führen, da Beratungsfachkräfte die Betroffenen aus ihren Ursprungsländern nicht kennen. Dies sollte man bei der Beratungsarbeit im Hinterkopf behalten.

 

Die abschließende Evaluation aller sechs Kursmodule soll sicherstellen, dass die Ergebnisse erreicht wurden, die durch die Geldgeber gefordert waren. Dies ist allen Projektbeteiligten gut gelungen. Die Methoden, Medien und Modulinhalte sind nun auf der Webseite des Projekts sowie in Buchform frei zugänglich. „Wir wünschen uns eine möglichst weite Verbreitung“, sagte Projektleiter Karl-Heinz P. Kohn. Jeder könne Teile davon in der täglichen Beratung anwenden und die Inhalte nach Bedarf anpassen.

 

Auch die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit wird prüfen, wie die Ergebnisse des Projekts in die Studienprogramme Bachelor, Master und Zertifikate einfließen können. „Die Konferenz hat gezeigt, wie anspruchsvoll, vielseitig und komplex die Arbeit von Berufsberaterinnen und -beratern ist, die mit Geflüchteten arbeiten“, sagte Rektor Prof. Dr. Andreas Frey. Nun gehe es darum, das Wissen, die Fähigkeiten und Haltungen der Berufsberaterinnen und -beratern mit denen der Migrantinnen und Migranten in Einklang zu bringen. „Das sind zwei Seiten einer Medaille“, so Frey. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz ermutigte er, weitere internationale Forschungsprojekte und den europäischen Austausch von Studierenden und Lehrenden der projektbeteiligten Unis zu beantragen und durchzuführen.

Auch Vertreterinnen und Vertreter der EU und der OECD waren bei der Konferenz anwesend. Matthias Rumpf von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und Julie Fionda von der Europäischen Kommission zeigten sich bei der abschließenden Podiumsdiskussion zufrieden mit den vorgestellten Ergebnissen von CMinaR. Fionda lobte den modularen  und diversen Ansatz. Das Projekt gehe grundsätzlich davon aus, dass Individuen mit all ihren Eigenheiten zu uns nach Europa kämen, keine einheitliche Gruppe. „Die nächste große Herausforderung ist es nun, weitere Projekte für eine große Bandbreite an Leuten anzustoßen“, so Fionda.

 

Neben Jean-Jacques Ruppert von der Internationalen Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung (IAEVG) nahm auch eine NGO-.Vertreterin aus der Arbeit mit Geflüchteten an der Diskussion teil. Elisabetta Melandri vom Centro Informazione Educazione allo Sviluppo (CIES) Italien regte einen weiteren Austausch der Projekterfahrungen in einem größeren Netzwerk an. „Wenn die EU dies ermöglichen könnte, wäre das ein wichtiger Beitrag dazu die europäischen Werte zu stärken.“ Geschlossen plädierten die Referentinnen und Referenten für wissenschaftliches Arbeiten in internationalen Netzwerken, das mehr zu Lösungen beitragen könne als populistische Strömungen, die derzeit in Europa wieder Konjunktur hätten.

 

Weitere Informationen zum Projekt CMinaR sowie alle Projektergebnisse unter:
https://www.cminar.eu/